Versorgung bei Netz­haut­erkrankungen im Ver­sor­gungs­all­tag

Im Rahmen der AAD 2026 in Düsseldorf präsentierte Prof. Dr. Focke Ziemssen (Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Leipzig) Ergebnisse des inter­na­ti­o­na­len Barometer-Projekts. Ziel war die systematische Analyse der realen Ver­sor­gungs­si­tua­tion von Patienten mit neo­vas­ku­lä­rer alters­abhän­giger Makula­degeneration (nAMD) und diabetischer Retinopathie unter Therapie mit intra­vi­tre­a­len Medikamenten. Grundlage bildeten umfangreiche Befragungen von Patienten, behandelnden Augenärzten sowie nicht­ärzt­li­chem Praxis- und Kli­nik­per­so­nal entlang der gesamten Ver­sor­gungs­kette.

Hintergrund: Warum Adhärenz entscheidend ist

Register- und Abrech­nungs­da­ten zeigen, dass die Therapietreue im Ver­sor­gungs­all­tag deutlich hinter den Ergebnissen klinischer Studien zurückbleibt. Während Stu­di­en­pro­to­kolle eine strukturierte Behandlung sicherstellen, sinkt im Praxisalltag nach wenigen Monaten der Anteil der Patienten, die im vorgesehenen Behandlungs­schema bleiben, auf etwa 30 %. Das Barometer-Projekt sollte die Ursachen dieser Diskrepanz iden­ti­fi­zie­ren.

Methodik und Kollektiv

Das Projekt basiert auf einer inter­na­ti­o­na­len, methodisch validierten Befragung mit mehreren tausend Teilnehmenden. Ein­ge­schlos­sen waren:

  • Patienten mit neo­vas­ku­lä­rer AMD und diabetischer Retinopathie
  • behandelnde Augenärzte
  • nicht­ärzt­li­ches Praxis- und Kli­nik­per­so­nal (z. B. Medizinische Fach­an­ge­stellte)

Erhoben wurden stan­dar­di­sierte Parameter zu Information, Kommunikation, Belastung, Logistik und The­ra­pie­er­le­ben. Auch wenn es sich nicht um ein klassisches ran­do­mi­sier­tes Studiendesign handelt, liefert die Befragung dennoch wertvolle Einblicke in pati­en­ten­re­le­vante Ver­sor­gungs­re­a­li­tä­ten.

Zentrale Ergebnisse: Drei Haupt­bar­rie­ren

Erwar­tungs­ma­na­ge­ment

Ein zentrales Ergebnis: 45 % der Patienten erwarten auch über das erste Behand­lungs­jahr hinaus eine Verbesserung der Sehschärfe. In der klinischen Realität steht jedoch häufig die Sta­bi­li­sie­rung des Befundes im Vordergrund. Unre­a­lis­ti­sche Erwartungen können zu Enttäuschung führen und gelten als ein wesentlicher Risikofaktor für The­ra­pie­ab­brü­che.

Logistische Belastung

Die hohe Behand­lungs­fre­quenz der intra­vi­tre­a­len operativen Medi­ka­men­te­n­ap­pli­ka­tion (IVOM) stellt viele Patienten vor orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen. Relevant sind insbesondere:

  • Ter­min­ver­füg­bar­keit
  • Transport- und Begleit­pro­bleme
  • lange Auf­ent­halts­zei­ten in Praxis oder Klinik

Finanzielle Faktoren spielen im deutschen Ver­sor­gungs­sys­tem eine unter­ge­ord­nete Rolle. Entscheidend sind vor allem orga­ni­sa­to­ri­sche Hürden.

Kommunikation und Einbindung

Ein Drittel der Patienten berichtete, dass Begleit­per­so­nen nicht aktiv in die Behandlung einbezogen wurden. Dabei können Angehörige eine zentrale Rolle für Motivation und Therapietreue spielen. Auch Ängste vor Schmerzen oder pos­t­in­jek­ti­ven Beschwerden werden häufig unterschätzt und sollten aktiv angesprochen werden.

Die Befragung zeigt eine relevante Wahr­neh­mungs­lü­cke

Zwar akzeptiert die Mehrheit der Patienten die Behand­lungs­not­wen­dig­keit, Behandler schätzen den Anteil kritisch hin­ter­fra­gen­der Patienten jedoch deutlich geringer ein als von den Patienten selbst angegeben. Diese Differenz verdeutlicht Opti­mie­rungs­po­ten­zial in der struk­tu­rier­ten Kommunikation.

Ansatzpunkte zur Verbesserung der Versorgung

Aus den Ergebnissen lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten:

  • Frühzeitiges, realistisches Erwar­tungs­ma­na­ge­ment
  • Transparente Information über Dauer und Ziel der Therapie
  • Aktive Ansprache von Belastungen und Ängsten
  • Einbeziehung von Begleit­per­so­nen
  • Bereit­stel­lung barrierearmer Infor­mations­mat­erialien
  • Wert­schät­zung der langfristigen The­ra­pie­be­las­tung

Belastung der Behandler

Prof. Ziemssen thematisierte zudem die zunehmende Arbeits­be­las­tung in der IVOM-Versorgung. Trotz hoher Berufs­zu­frie­den­heit berichten viele Augenärzte über orga­ni­sa­to­ri­sche und zeitliche Her­aus­for­de­run­gen. Die Datenlage zur psychischen Gesundheit von Behandlern ist bislang begrenzt. Vor diesem Hintergrund wurde eine neue inter­na­ti­o­nale Befragung zum Wohlbefinden von Augenärzten initiiert, unterstützt durch Berufsverband und Deutsche Oph­thal­mo­lo­gi­sche Gesellschaft.

Fazit

Das Barometer-Projekt zeigt, dass die Wirksamkeit intra­vi­tre­a­ler Therapien im Ver­sor­gungs­all­tag maßgeblich von Adhärenz, Kommunikation und logistischen Rah­men­be­din­gun­gen abhängt. Unre­a­lis­ti­sche Erwartungen, orga­ni­sa­to­ri­sche Hürden und eine unzureichende Einbindung von Begleit­per­so­nen zählen zu den zentralen Ursachen für The­ra­pie­ab­brü­che. Gezieltes Erwar­tungs­ma­na­ge­ment, strukturierte Kommunikation und eine pati­en­ten­zen­trierte Versorgung können die Behand­lungs­qua­li­tät nachhaltig verbessern – zum Nutzen von Patienten und Behandlern glei­cher­ma­ßen.

Quelle: gelbe-liste.de

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