Bedeutung der Optogenetik für die Augen­heil­kunde

Der Nobelpreis für Medizin 2026 geht an die beiden deutschen Forscher Peter Hegemann und Georg Nagel sowie an den US-Amerikaner Karl Deisseroth. Sie erhalten die Auszeichnung für ihre Arbeiten auf dem Gebiet der Optogenetik. Der Deutsche Blinden- und Seh­behinderten­verband (DBSV) hat Prof. Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn, um eine Einordnung gebeten, welche Bedeutung die Optogenetik für die Augen­heil­kunde hat.  Prof. Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn, erklärte dazu:

"Für das Sehen werden licht­empfind­liche Sehzellen in der äußeren Netzhaut benötigt, die Pho­to­re­zep­to­ren. Bislang ist es nicht möglich, diese wie­der­her­zu­stel­len, wenn sie einmal zugrunde gegangen sind. Die Optogenetik geht einen neuen Weg und gilt für die Wie­der­her­stel­lung des Sehvermögens bei Patienten mit Seh­beein­trächti­gung und Erblindung als sehr viel­ver­spre­chend, denn sie macht verbliebene Netz­haut­zel­len in der inneren Netzhaut licht­empfind­lich. Dieses The­ra­pie­prin­zip - Zellen, die lich­tun­emp­find­lich sind, werden licht­empfind­lich gemacht - könnte die Augen­heil­kunde revo­lu­tio­nie­ren, denn so wird erstmals eine Wie­der­her­stel­lung von Sehfunktion bei Erblindung denkbar.

Am weitesten fort­ge­schrit­ten ist die Forschung bei der Netz­haut­erkrankung Retinitis pigmentosa (RP), da konnte erstmals eine Studie der Phase 2b/3 den potenziellen klinischen Nutzen der Optogenetik aufzeigen. Weitere Studien zu anderen Netz­haut­erkrankungen sind noch in früheren Phasen befindlich. Untersucht werden u.a. der Morbus Stargardt und per­spek­ti­visch auch die sogenannte geografische Atrophie, das trockene Spätstadium der häufigen Auge­n­er­kran­kung alters­abhängige Makula­degeneration.

Trotz ermutigender erster Ergebnisse steht die Optogenetik in der Augen­heil­kunde noch vor wichtigen Her­aus­for­de­run­gen. Die eingesetzten licht­empfind­lichen Proteine stammen ursprünglich aus Algen und Mikro­or­ga­nis­men. Sie reagieren deutlich weniger empfindlich auf Licht als die natürlichen Pho­to­re­zep­to­ren des Auges. Frühe Ansätze benötigten deshalb sehr helles Licht oder spezielle Brillen, die das Umge­bungs­licht verstärken und in eine geeignete Wellenlänge übersetzen. Neuere, gentechnisch optimierte Varianten arbeiten bereits bei normalem Tageslicht. Bei Dämmerung oder in Innenräumen stoßen sie jedoch an Grenzen. Gleichzeitig muss sicher­ge­stellt sein, dass die benötigte Licht­in­ten­si­tät die Netzhaut nicht langfristig schädigt.

Weiterhin ist anzumerken, dass opto­ge­ne­ti­sche Therapien das Sehvermögen nicht so wie­der­her­stel­len können, wie ein Sehgesunder es sieht. Realistisches Ziel ist ein funktionell nutzbares Restsehen: Hell und Dunkel unterscheiden, Objekte und Türen erkennen, sich im Raum orientieren. Auflösung, Kontrast und Reak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit sind begrenzt, Farbsehen ist bislang nicht möglich. Für Menschen, die praktisch erblindet sind, kann das oben beschriebene Restsehen dennoch einen erheblichen Zugewinn an Selbst­ständig­keit bedeuten.

Die Optogenetik setzt voraus, dass die inneren Schichten der Netzhaut und der Sehnerv noch funk­ti­ons­fä­hig sind, denn sie übernehmen die Weiterleitung des Signals an das Gehirn. Nach dem Verlust der Pho­to­re­zep­to­ren baut sich die Netzhaut jedoch zunehmend um und verliert auch diese Zellen. Der The­ra­pie­er­folg hängt deshalb auch davon ab, den richtigen Zeitpunkt zu finden: spät genug, dass das natürliche Sehen weitgehend erloschen ist, aber früh genug, dass das verbliebene Netzwerk noch genutzt werden kann."

Quelle: kobinet-nachrichten.org

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