Charles-Bonnet-Syndrom: Sally sieht schlecht – und dazu noch Gespenster?

Menschen mit starker Seh­ver­min­de­rung können das Charles-Bonnet-Syndrom entwickeln: Sie haben störende visuelle Hal­lu­zi­na­ti­o­nen. Der Grossteil der Betroffenen scheint damit allein zurecht­zu­kom­men – aber einige werden falsch verstanden und in eine psych­ia­tri­sche Klinik eingewiesen. Aufklärung tut also not.

Sally lebt in London und ist 82 Jahre alt. Der Name ist das Pseudonym für eine Augen­pa­ti­en­tin mit fort­geschritt­ener Alters­be­ding­ter Makula­degeneration, die sich letztes Jahr für eine Fallstudie der Retina Clinic London zur Verfügung gestellt hatte. Laut der Studie, die von Dr. Yvonne O’Neill geleitet und kürzlich ver­öf­fent­licht wurde, hatte Sally mehr als zehn Jahre lang visuelle Hal­lu­zi­na­ti­o­nen. Sie sah Dinge, die gar nicht da waren. Diese Trugbilder reichten von einfachen geometrischen Formen bis hin zu sehr detaillierten Figuren. Aufgrund von Sallys Seh­beein­trächti­gung und der Art der Hal­lu­zi­na­ti­o­nen wurde die Diagnose des Charles-Bonnet-Syndroms (CBS) gestellt. Eine Behandlung war nicht erforderlich, und man versicherte der Patientin, dass die Hal­lu­zi­na­ti­o­nen harmlos seien und nicht mit einer psych­ia­tri­schen oder neu­ro­lo­gi­schen Störung in Zusammenhang stünden.

Meist bei einer alters­be­ding­ten Makula-Erkrankung

Das Charles-Bonnet-Syndrom entsteht bei einer Schädigung des Sehnervs wie auch bei einer starken Seh­ver­min­de­rung durch Erkrankungen der Netzhaut. Am häufigsten wird es bei den alters­be­ding­ten Erkrankungen der Makula festgestellt, es können aber auch jüngere Menschen mit fort­geschritt­ener Netz­haut­dystro­phie betroffen sein. Auch ein Schlaganfall, der durch eine Unterbrechung der Blut­ver­sor­gung im Gehirn verursacht wird, oder ein Hirntumor können Ursache der Trugbilder sein. «Das Einfüllen» von Bildern in einen nicht mehr funk­tio­nie­ren­den Sehbereich kann sehr störend und verwirrend sein. Betroffene Menschen zweifeln oft am eigenen Verstand und wagen nicht, mit den Angehörigen darüber zu sprechen. Diesen Patient*innen hilft es sehr zu wissen, dass dies in gewissen Situationen «normal» ist und keiner psych­ia­tri­schen Behandlung bedarf. Die stark seh­be­ein­träch­tigte Sally sah also gewis­ser­mas­sen Gespenster, aber das deutete auf keine zusätzliche und womöglich schwere Krankheit hin.

Gesund­heits­dienst­leis­ter müssen für CBS sen­si­bi­li­siert werden

Sallys Fall verdeutlicht die dia­gno­s­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen im Zusammenhang mit dem Charles-Bonnet-Syndrom. CBS wird aufgrund seiner relativen Seltenheit und der Zurück­hal­tung der Patient*innen, ihre Symptome präzise offenzulegen, häufig falsch dia­gnos­ti­ziert oder übersehen. Die lange Zeit, in welcher Sallys Hal­lu­zi­na­ti­o­nen keiner ophthal­mologischen Expert*innenstelle gemeldet wurden, unterstreiche die Notwendigkeit einer grösseren Sen­si­bi­li­sie­rung der Gesund­heits­dienst­leis­ter, heisst es in der Londoner Fallstudie. Die wichtigste Erkenntnis lautet: Eine gezieltere Erkennung von CBS sind für eine korrekte Diagnose unerlässlich, um die Angst der Patienten zu verringern und unnötige Behandlungen zu vermeiden. Die Vielzahl der bei CBS auftretenden Hal­lu­zi­na­ti­ons­ty­pen trägt zsätzlich zur Komplexität des Syndroms bei, sodass Unter­dia­gno­sen und Fehl­be­hand­lun­gen möglich sind.

Visuelle Phänomene, die zu CBS passen

In einem Beitrag für das Retina Journal Nr. 143 hat der Ophthalmologe Dr. Jürgen Seilnacht (Lichtenfels, Deutschland) eine Reihe von visuellen Phänomenen beschrieben, die unter CBS fallen können:

  • Phosphene: Unde­fi­nier­bare Licht­wahr­neh­mun­gen, die nicht durch Licht selber, sondern durch andere Reiz-Einflüsse auf das Auge, auf den Sehnerv oder auf den visuellen Cortex im Gehirn erzeugt werden.
  • Photopsien: Wahrnehmungen von Blitzen, Funken oder einem Flimmern, wie sie auch bei hinterer Glas­kör­pe­rab­he­bung, bei beginnender Netz­haut­ablö­sung oder als Aura bei Migräne entstehen können.
  • Palinopsie: Hier handelt es sich um Vor­täu­schun­gen von Objekten, die vor kurzer Zeit wahrgenommen wurden. Die Palinopsie ist keine optische Halluzination, da sie sich immer auf ein reales Bild bezieht. Abzugrenzen ist die Palinopsie von Nachbildern und von Doppelbildern.
  • Zu den sogenannten Meta­mor­phop­sien zählen folgende Phänomene: Mikropsien (Ver­klei­ne­run­gen), Makropsien (Ver­grös­se­run­gen), Dys­mor­phop­sien (Verzerrungen), Teleopsien (Gegenstände werden entfernt wahrgenommen), Chromopsien (Farben werden andersfarbig wahrgenommen), komplexe Hal­lu­zi­na­ti­o­nen (Bilder oder filmähnliche Szenen) sowie Heautoskopien (spie­gel­bild­li­che Dop­pel­gän­ger­hal­lu­zi­na­ti­o­nen). Meta­mor­phop­sien entstehen bei Defekten der Makula (Netz­haut­stelle des schärfsten Sehens) wie Makulaödemen, Maku­la­b­lu­tun­gen und Löchern in der Makulaschicht. Aber auch neurologische und psychische Störungen kommen als Ursache in Frage.

Eine Bewertung der Symptome

Eine Bewertung visueller Symptome im Zusammenhang mit dem Charles-Bonnet-Syndrom vornehmen: Dieses Ziel hat sich eine englische For­schen­den­gruppe vom Royal Liverpool University Hospital und vom Department of Eye and Vision Sciences, University of Liverpool, gesetzt. Dazu führten die Liverpooler Forschenden eine Quer­schnitt­s­tu­die bei erwachsenen Patient*innen mit der Diagnose einer erblichen Netz­haut­erkrankung durch. Ausserdem untersuchten sie die Perspektive der Betroffenen und deren Unter­stüt­zungs­be­darf. Bei der Studie handelte es sich um ein prospektives, an einem einzigen Zentrum durch­ge­führ­tes Quer­schnitts­pro­jekt. Es basierte auf einer Umfrage zur Bewertung und Verbesserung von Dienst­leis­tun­gen für Augenpatient*innen. Die Informationen wurden anhand eines Fragebogens, den die Teilnehmer aus der Ferne oder bei einem Kran­ken­haus­ter­min ausfüllten, sowie anhand elek­tro­ni­scher Pati­en­te­n­ak­ten eingeholt. Alles in allem erhielten die Forschenden 103 Fragebogen zugeschickt, von denen 94 für die Analyse geeignet waren. 18,6 Prozent der antwortenden Patient*innen mit erblicher Netz­haut­erkrankung berichteten über visuelle Hal­lu­zi­na­ti­o­nen. Dabei machten Personen mit einer Sehschärfe von weniger als 0,3 logMAR rund 76 Prozent derjenigen aus, die CBS-Symptome angaben.

Betroffene wünschten frühzeitige Aufklärung über Ursachen

Von den Patient*innen, die visuelle Hal­lu­zi­na­ti­o­nen erlebten, gaben 59 Prozent an, dass ihre Trugbilder keine Auswirkungen auf sie hätten. 29 Prozent wiederum erklärten, negative Auswirkungen zu spüren, und 12 Prozent äusserten sich dazu nicht. Weitere 12 Prozent gaben an, dass sie mehr Unter­stüt­zung benötigten. Die Erhebungen der For­schen­gruppe haben demnach ein unein­heit­li­ches Bild ergeben. Die wichtigste Schluss­fol­ge­rung: Fast jeder sechste Patient*in berichtete über CBS-Symptome – aber nur ein kleiner Teil der in die Umfrage einbezogenen Personen gab an, zusätzliche Unter­stüt­zung zu benötigen. Ein erheblicher Teil dieser Betroffenen erklärte allerdings, dass es hilfreich wäre, frühzeitig über die Ursachen ihrer visuellen Hal­lu­zi­na­ti­o­nen aufgeklärt zu werden.

Die Liverpooler Studie hat nur eine ein­ge­schränkte Aussagekraft, die vor allem auf die geringe Anzahl der in die Umfrage einbezogenen Patienten zrü­ck­zu­füh­ren ist. Dazu kommen die fehlende externe Prüfung des verwendeten Fragebogens, das Risiko einer Verzerrung durch die selektive Auswahl, die beiden unter­schied­lichen Unter­su­chungs­me­tho­den sowie die Phasen der Datenerhebung.

Charles Bonnet? Das war ein Schweizer

Das Trugbild-Syndrom hat seinen Namen von Charles Bonnet. Das war ein Schweizer Natur­wis­sen­schaft­ler, Philosoph und Rechtsanwalt. Er lebte vorwiegend in Genf in der Zeit zwischen 1720 und 1793, also in der Zeit der Aufklärung. Der eine Grossvater Bonnets, Charles Lullin, wurde mit 77 Jahren am Grauen Star operiert. Kurze Zeit später erblindete der Grossvater an den Folgen der Operation. Jahre danach berichtete er seinem Enkel Charles Bonnet von lebhaften Hal­lu­zi­na­ti­o­nen: Er sah Häuser, Kutschen, Menschen, die er zu kennen glaubte – aber gleichzeitig erkannte er, dass diese Dinge nicht real existieren konnten. Charles Bonnet folgerte daraus: Es musste das Gehirn seines Grossvaters selbst sein, welches die nicht realen Bilder von sich aus hervorbrachte. Und zwar aus dem Grunde, dass diesem optische Reize der Aussenwelt fehlten. Über diese Beobachtungen fügte Bonnet eine Abhandlung in sein 1760 erschienenes Werk «Essai analytique sur les facultés de l’âme» ein, das einige Beachtung fand. Jahre später ereilte Charles Bonnet das gleiche Schicksal: Auch er erblindete und sah die von seinem Grossvater beschriebenen visuellen Trugbilder.

Quelle: PRO RETINA For­schungs­newslet­ter

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