Viel­ver­spre­chen­der Ansatz für ziel­ge­rich­tete Therapien

Ein inter­na­ti­o­na­les Forscherteam unter Mannheimer Leitung hat Lipid­me­ta­bo­li­ten als zentralen Treiber krankhafter Gefä­ß­bil­dung im Auge identifiziert.

Die krankhafte Neubildung von Blutgefäßen im Auge ist ein zentraler Faktor bei Erkrankungen der Netzhaut wie der diabetischen Retinopathie oder der alters­be­ding­ten Makula­degeneration. Diese Erkrankungen können zu einem dauerhaftem Sehverlust und Erblindung führen. Ein inter­na­ti­o­na­les Forscherteam unter der Leitung von Prof. Jens Kroll von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg hat nun einen bislang unbekannten molekularen Mechanismus aufgeklärt, der zur krankhaften Neubildung von Blutgefäßen im Auge beiträgt.

Die Wis­sen­schaft­ler vermuten, dass dies ein Ansatzpunkt für neue, ziel­ge­rich­tete Therapien sein könnte. Da es bereits für andere Erkrankungen zugelassene Medikamente gibt, die an diesem Mechanismus angreifen, erscheint dieser Ansatz als sehr viel­ver­spre­chend. Die Ergebnisse der inter­na­ti­o­na­len Studie wurden im Fachjournal „Nature Com­mu­ni­ca­ti­ons“ ver­öf­fent­licht.

Im Mittelpunkt steht Sphingosin-1-Phosphat (S1P), ein Botenstoff aus der Gruppe der Sphingolipide, der eine Schlüs­sel­rolle in der Regulation von Gefä­ß­wachs­tum, Ent­zün­dungs­pro­zes­sen und Gewe­be­re­pa­ra­tur einnimmt. Während die Funktionen von S1P selbst bereits gut untersucht sind, war bislang unklar, ob auch seine Stoff­wech­sel­pro­dukte eine Rolle spielen könnten. Die Forscher konnten nun zeigen, dass ein kleines reaktives Lipidaldehyd namens 2-Hexadecenal (2-HD) eine entscheidende Rolle bei der Entstehung krankhafter Gefä­ß­neu­bil­dung spielt.

Neue Einblicke in die Pathogenese von Augen­erkrankungen

Für ihre Forschung nutzten sie das Zebra­fisch­mo­dell und Daten von Patienten mit krankhaften Neubildungen von Blutgefäßen im Auge. Um die Funktion von 2-HD zu untersuchen, schalteten die Forscher ein Enzym (ALDH3b1) aus, das 2-HD „entgiftet“. Fische, denen ALDH3b1 fehlte, entwickelten spezifisch im Auge ein Gefäßmuster, das dem späten Stadium der Netz­haut­erkrankungen im Menschen ähnelte. Dieser Prozess war umkehrbar, wenn die Wirkungen von 2-HD geblockt wurden. Als Schalter iden­ti­fi­zier­ten sie den S1P-Rezeptor 5 (S1PR5), einen von fünf bekannten S1P-Rezeptoren, die sich auf der Oberfläche von Immunzellen finden. S1PR5 wird gezielt von 2-HD gehemmt, was zur Fehl­re­gu­la­tion der Gefä­ß­bil­dung führt.

Durch die Kombination von Genak­ti­vi­täts­pro­fi­len und detaillierten chemischen Analysen konnten die Forscher auch auf den zugrun­de­lie­gen­den Mechanismus schließen. Sie fanden heraus, dass ein Überschuss an 2-HD den Eisenhaushalt der Zellen störte und sie in Richtung Ferroptose trieb. Diese eisenbedingte Form des Zelltods ist durch eine außer Kontrolle geratene Lipid­per­oxi­da­tion gekenn­zeich­net. Diese patho­lo­gi­schen Prozesse tragen direkt zur Schädigung der Blutgefäße bei, die die Netzhaut des Auges versorgen.

Die Ergebnisse liefern den Autoren zufolge einen direkten Zusammenhang zwischen einem S1P-Metaboliten und der Regulation von Gefä­ß­wachs­tum im Auge. Damit könnten sie das bisherige Verständnis der molekularen Grundlagen von Gefä­ß­er­kran­kun­gen des Auges erheblich erweitern.

Potenzial für neue Therapie­ansätze bei krankhafter Gefä­ß­bil­dung

Aktuelle Therapien, etwa die Hemmung des vaskulären endothelialen Wachs­tums­fak­tors (VEGF), sind zwar wirksam, weisen jedoch Ein­schränk­ungen wie Neben­wir­kun­gen oder die Notwendigkeit wiederholter invasiver Behandlungen auf. Die neu iden­ti­fi­zierte Signalachse rund um 2-Hexadecenal und S1PR5 könnte alternative medi­ka­men­töse Therapie­ansätze eröffnen. Sie könnten entweder über die gezielte Hemmung von 2-HD oder über die Sta­bi­li­sie­rung des S1PR5-Rezeptors wirken. Dabei ist besonders viel­ver­spre­chend, dass für die Behandlung der Multiplen Sklerose S1PR5-Rezeptor Modulatoren im klinischen Alltag eingesetzt werden. Somit gibt es also bereits zugelassene Medikamente, die an diesem Mechanismus ansetzen.

Quelle: biermann-medizin.de

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