Glu­ko­se­stoff­wech­sel steuert Genexpression in der Netzhaut

Eine aktuelle US-amerikanische Studie zeigt, dass der Glu­ko­se­stoff­wech­sel mit epi­ge­ne­ti­schen Ver­än­de­run­gen und einer veränderten Genexpression in der Netzhaut assoziiert zu sein scheint.

Wis­sen­schaft­ler des National Eye Institute (NEI), Bethesda, USA, haben her­aus­ge­fun­den, dass die Art und Weise wie die Netzhaut Glukose ver­stoff­wech­selt, direkt steuert, welche Gene in den licht­emp­find­li­chen Pho­to­re­zep­to­ren aktiviert oder deaktiviert werden. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Stoff­wech­sel­stö­run­gen, wie sie bei Alterung und Erkrankungen auftreten, die für die Gesun­der­hal­tung der Pho­to­re­zep­to­ren notwendige Genexpression direkt beein­träch­ti­gen könnten. Außerdem könnten diese Erkenntnisse neue Wege für die Behandlung von Netz­haut­erkrankungen wie der alters­be­ding­ten Makula­degeneration (AMD) eröffnen. Die Wis­sen­schaft­ler haben ihre Ergebnisse in der Fach­zeit­schrift „PLoS Genetics“ ver­öf­fent­licht.

„Wir zeigen, dass der Glu­ko­se­stoff­wech­sel die Expression kritischer Photorezeptor-Gene durch Ver­än­de­run­gen im Epigenom steuert“, erklärte der Hauptforscher der Studie, Dr. Anand Swaroop, Leiter der Abteilung für Netz­haut­ent­wick­lung, Genetik und Therapie am NEI, das zu den National Institutes of Health gehört.

Die Pho­to­re­zep­to­ren der Netzhaut sind sowohl für die Ener­gie­ver­sor­gung als auch für den Erhalt ihrer Struktur auf verfügbare Glukose angewiesen. Die Scheiben an den Spitzen der äußeren Segmente der Pho­to­re­zep­to­ren werden täglich erneuert. Das trägt dazu bei, dass die Zelle gesund bleibt.

H3K18-Lactylierung als Indikator für den Stoff­wech­sel­zu­stand und die Expression von Genen

Für ihre Studie nutzten die Forschenden die Tatsache, dass Laktat, ein Nebenprodukt des Glu­ko­se­stoff­wech­sels, die Histone in Pho­to­re­zep­tor­zel­len chemisch markiert. Eine spezifische molekulare Markierung, die H3K18-Lactylierung (H3K18La), steigt und fällt in direkter Reaktion darauf, wie viel Glukose die Netzhaut ver­stoff­wech­selt. Außerdem kann sie somit als lebendiger und dynamischer Indikator für den Stoff­wech­sel­zu­stand und die Expression von Genen dienen, die für das Sehen relevant sind.

Die Wis­sen­schaft­ler untersuchten die Netzhaut von Mäusen in verschiedenen Ent­wick­lungs­sta­dien. Dabei maßen sie die Glykolyse – den Prozess, bei dem Glukose in Laktat umgewandelt wird. Gleichzeitig kartierten sie die genauen Positionen der H3K18La-Markierungen im gesamten Genom.

Veränderte Genexpression hängt mit H3K18La-Markierungen zusammen

Die Wis­sen­schaft­ler bestätigten den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von H3K18La-Markierungen und tat­säch­li­chen Ver­än­de­run­gen der Genexpression. Dafür züchteten sie isolierte Maus­netz­häute in Petrischalen. Diese setzten sie entweder zusätzlicher Glukose oder einem Medikament aus, das die Glykolyse blockiert. Anschließend maßen die Forscher, wie die molekularen Markierungen als auch die Genexpression darauf reagierten.

Mehr Glukose in der Netzhaut führt zu höherer Expression sehrelevanter Gene

Die Ergebnisse der Forschenden zeigten sich eindeutig und konsistent: Mehr Glukose bedeutete mehr Laktat, mehr H3K18La-Markierungen und eine höhere Expression von Genen, die für das Sehen entscheidend sind. Darunter befanden sich auch solche, die an der Lich­ter­ken­nung sowie der Entwicklung und Erhaltung der Pho­to­re­zep­to­ren beteiligt sind.

Die Blockierung der Glykolyse hatte den gegenteiligen Effekt: Die Markierungen wurden entfernt und die Genexpression weitgehend unterdrückt. Das Team stellte außerdem fest, dass sich H3K18La-Markierungen an den Kon­troll­schal­tern von Genen zusammen mit einer anderen bekannten Akti­vie­rungs­mar­kie­rung, H3K27Ac, ansammeln. Darüber hinaus wurden die markierten Regionen von einer spezifischen Familie regu­la­to­ri­scher Pro­te­in­re­gi­o­nen erkannt. Das deutet den Forschenden zufolge darauf hin, dass es sich um ein präzises, ziel­ge­rich­te­tes System handelt und nicht um einen allgemeinen metabolischen Nebeneffekt.

„Zukünftige Studien werden untersuchen, wie sich H3K18La-Muster im Laufe des Alte­rungs­pro­zes­ses und in Krank­heits­mo­del­len von AMD und diabetischer Retinopathie verändern. Wir planen außerdem zu testen, ob Ernäh­rungs­in­ter­ven­ti­o­nen, die den Glu­ko­se­stoff­wech­sel beeinflussen, diese epi­ge­ne­ti­schen Markierungen in nennenswertem Maße beeinflussen können“, fügte die Erstautorin der Studie, Dr. Mohita Gaur, Post­dok­to­ran­din in der Abteilung für Netz­haut­ent­wick­lung, Genetik und Therapie des NEI, hinzu.

Das NEI Intramural Research Program hat die Forschung finanziert.

Quelle: biermann-medizin.de

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