Hoffnung bei alters­be­ding­tem Sehverlust

Die alters­be­dingte Makula­degeneration ist ab dem 50. Lebensjahr eine der häufigsten Ursachen für Sehverlust in Indus­tri­e­län­dern. Ein For­schungs­team der Universität Freiburg (Schweiz) konnte nun in zwei Studien nachweisen, dass ein natürlicher «Rei­ni­gungs­me­cha­nis­mus» der Zellen diesem Prozess ent­ge­gen­wir­ken kann.

Vor dem Hintergrund der alternden Bevölkerung sind immer mehr Menschen weltweit von Netz­haut­erkrankungen wie der alters­be­dingten Makula­degeneration (AMD) betroffen. Bei diesen Krankheiten werden Zellen beschädigt, ohne die das Auge nicht funktionieren kann: insbesondere die Foto­re­zep­to­ren, die das Licht aufnehmen, und die Zellen des retinalen Pig­men­te­pi­thels, welche die Foto­re­zep­to­ren mit Nährstoffen versorgen und deren Funktion auf­recht­er­hal­ten. Im Laufe der Zeit häufen sich in diesen Zellen Abfall­pro­dukte wie bei­spiels­weise beschädigte Proteine an. Im Normalfall verfügen die Zellen über effiziente Systeme zur Entsorgung solcher defekten Bestandteile. Mit zunehmendem Alter werden diese Mechanismen allerdings anfälliger. Die Folge: Diese Abfallstoffe sammeln sich vermehrt in den Zellen an, was wiederum zu einer hohen Belastung und schliesslich zur Degeneration der Zellen führt. Will man die Möglichkeit haben, das Fortschreiten dieser Erkrankungen zu bremsen, ist es wichtig, zu verstehen, warum diese Rei­ni­gungs­sys­teme aufhören zu funktionieren.

Recycling von Proteinen

Das Team der Universität Freiburg um Prof. Dr. Patricia Boya hat sich zusammen mit ame­ri­ka­ni­schen und spanischen Partnerteams mit einem natürlichen «Rei­ni­gungs­me­cha­nis­mus» der Zellen befasst, «Chaperon-vermittelte Autophagie» genannt. Einfach ausgedrückt heisst das: Die Zelle besitzt ein eigenes Recy­cling­s­ys­tem. Spezielle Proteine, sogenannte Chaperone, machen beschädigte Proteine ausfindig und trans­por­tie­ren sie zu speziellen Strukturen, den Lysosomen, wo sie abgebaut werden.

Man könnte hier fast von einem Abfall­trenn­sys­tem im Zellinneren sprechen. Die Forschenden konnten nachweisen, dass dieses System in den Netz­haut­zel­len besonders aktiv ist und dort die wichtige Funktion einer Qua­li­täts­kon­trolle innehat. Arbeitet dieser Mechanismus nicht richtig, wie es im Auge von Erkrankten der Fall ist, sammeln sich defekte Proteine an – die Zellen sind einem zunehmenden Stress ausgesetzt und funktionieren immer schlechter.

Mögliche Reparatur

Die Forschenden konnten aufzeigen, dass dieses Rei­ni­gungs­sys­tem wieder aktiviert werden kann. Hierzu verwendeten sie einen Wirk­stoff­kan­di­da­ten, CA77.1 genannt, der speziell entwickelt wurde, um diesen natürlichen Pro­te­in­re­cy­cling­pro­zess in den Zellen zu aktivieren und so deren Fähigkeit zum Abtransport von Abfall­pro­dukten zu verbessern. Für Prof. Dr. Patricia Boya, Leiterin des Autophagie-Labors der Universität Freiburg, sind diese Ergebnisse ermutigend: «Wir haben an zwei verschiedenen expe­ri­men­tel­len Modellen gezeigt, dass eine Aktivierung dieses Mechanismus die Ansammlung von Abfall­pro­dukten reduzieren, Entzündungen hemmen und die Ver­schlecht­erung der Sehkraft verlangsamen kann.»

Zusammen mit der Gruppe von Prof. Dr. Jörn Dengjel, Professor am Departement für Biologie der Universität Freiburg, wurden Versuche an menschlichen Zellen von an alters­be­dingter Makula­degeneration erkrankten Personen durchgeführt. Die Versuche bestätigten diese Beobachtungen. Wenn der natürliche «Rei­ni­gungs­me­cha­nis­mus» gestärkt wird, funktionieren die Zellen gleich­mäs­si­ger und sind stress­re­sis­ten­ter.

Neue Therapien in Sicht

Statt nur Symptome oder eine bestimmte Ursache anzugehen, ist es nun möglich, auf einen grundlegenden Mechanismus abzuzielen, der mehreren Augen­erkrankungen gemeinsam ist. Durch Stimulation der Chaperon-vermittelten Autophagie, teils mit genetischen Ansätzen, teils mithilfe des Wirk­stoff­kan­di­da­ten CA77.1, halfen die Forschenden den Zellen, ihre Abfall­pro­dukte abzutrans­por­tie­ren, ihren Stress zu reduzieren und ihr Überleben zu verbessern.

Diese Ergebnisse könnten zur Entwicklung von Behandlungen führen, die den alters­be­dingten Sehverlust verlangsamen oder ihm sogar vorbeugen, eine konkrete Hoffnung für Millionen Menschen.

Quelle: Université de Fribourg, Schweiz

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