Photosynthese-Technologie aus Spinat könnte neue Therapie ermöglichen

Ein For­schungs­team aus Singapur hat in Horn­haut­zel­len des Auges einen nanoskaligen Extrakt aus pflanzlichen Thylakoid-Granen eingebracht, der bei Lichteinfall ein wichtiges Schutz­mo­le­kül produziert. Das könnte neue Perspektiven zur Behandlung des Trockenen Auges eröffnen.

Was wäre, wenn die Augen Licht nutzen könnten, um sich selbst zu heilen? Inspiriert davon, wie Pflanzen Sonnenlicht nutzen, entwickeln Forscher der National University of Singapore (NUS) eine Behand­lungs­me­thode für das Syndrom des Trockenen Auges. Ihr Ansatz basiert auf einer licht­ak­ti­vier­ten Technologie, die aus den pho­to­syn­the­ti­schen Membranen der Spinatpflanze gewonnen wird. Diese soll es dem Auge ermöglichen, kon­ti­nu­ier­lich mit Feuchtigkeit versorgt zu bleiben. Die Technologie könnte eine einfache, wirksame und nicht invasive Behand­lungs­op­tion für das Trockene Auge bieten.

Durch Trockene Augen verursachte Horn­haut­schä­den nach fünf Tagen fast ausgeheilt

Kera­to­kon­junk­ti­vi­tis sicca ist eine der häufigsten Augen­erkrankungen und betrifft weltweit mehr als 1,5 Milliarden Menschen. Aktuelle Behandlungen wie Cyclosporin A und Lifitegrast zielen über spezifische molekulare Signalwege auf die Entzündung ab. Die hohen Kosten und uner­wünsch­ten Neben­wir­kun­gen schränken jedoch die langfristige Anwendung ein.

Auf zellulärer Ebene wird die Erkrankung durch einen Teufelskreis angetrieben. Entzündungen im Horn­haut­be­reich erzeugen reaktive Sau­er­stoffs­pe­zies (ROS), die die Zellen schädigen. Gesunde Augen können ROS durch die Produktion von Anti­oxi­dan­tien neu­tra­li­sie­ren, die durch Nico­ti­n­a­mi­da­den­in­di­nucleo­tid­phos­phat (reduzierte Form) (NADPH) angetrieben wird. In entzündeten Augen überwältigen die ROS-Werte jedoch die natürlichen Abwehrkräfte der Hornhaut. Das führt zur Bildung von noch mehr ROS.

Ein Team unter der Leitung von Associate Professor David Leong Tai Wei vom Fachbereich für Chemie- und Bio­mo­le­ku­lar­tech­nik am College of Design and Engineering der NUS hat einen grundlegend anderen Ansatz entwickelt. Die Forschenden trans­plan­tier­ten eine funktionelle, aus Pflanzen gewonnene Photosynthese-Maschinerie in Horn­haut­zel­len. Dadurch konnten diese Umge­bungs­licht nutzen und NADPH unabhängig von den zelleigenen NADPH-Pro­duk­ti­ons­we­gen produzieren.

In prä­kli­ni­schen Studien kehrte die Technologie Horn­haut­schä­den innerhalb von fünf Tagen auf ein nahezu gesundes Niveau zurück und übertraf damit die derzeitigen Behand­lungs­op­tionen. Verabreicht wurde die Technologie in Form einfacher Augentropfen in so geringen Dosen, dass sie die Farb­wahr­neh­mung nicht beein­träch­tigte. Die Forschenden ver­öf­fent­lich­ten ihre Stu­diener­geb­nisse im Fachjournal „Cell“.

Ausgangspunkt: Ein auf­schluss­rei­ches biologisches Crossover

Tiere sind normalerweise – mit einer bekannten Ausnahme – nicht in der Lage, Photosynthese zu betreiben. Diese Ausnahme ist die Sacoglossa-Seeschnecke, die die Chloroplasten von Mikroalgen aufnimmt und in ihren Darmzellen speichert. Bei Nah­rungs­man­gel können diese Mee­res­schne­cken von den durch Photosynthese gebildeten Nährstoffen leben. Diese unge­wöhn­li­che tierische Eigenschaft warf eine faszinierende Frage auf: Könnten auch Säugetiere eine begrenzte Form der Photosynthese entwickeln?

Produziert bei Einwirkung von Umge­bungs­licht pho­to­syn­the­ti­sches NADPH in Horn­haut­zel­len

Um ihre Ideen zu testen, wählten die NUS-Forscher das Auge. Denn das Auge ist eines der wenigen Organe im menschlichen Körper, das sichtbares Licht absorbiert – genau wie Pflan­zen­blät­ter. Sie entwickelten LEAF (Light-reaction Enriched thylAkoid NADPH-Foundry), eine nanoskalige, strukturell erhaltene Version der Thylakoid-Granen. Das sind dicht gestapelte Mem­bran­kom­par­ti­mente im Inneren der Chloroplasten von Pflan­zen­zel­len, in denen Lichtenergie genutzt und in NADPH-Moleküle umgewandelt wird. Während der Photosynthese werden die NADPH-Moleküle anschließend zur Produktion von Glukose verwendet, die der Pflanze Energie und Nahrung liefert.

Die zentrale Innovation des Teams bestand darin, den Teil der Chloroplasten zu entfernen, der NADPH verbraucht, während die Thylakoide, in denen sich der Mechanismus der Licht­re­ak­ti­o­nen der Photosynthese befindet, intakt blieben. Das Ergebnis war ein nanoskaliges Paket, das als spezielle NADPH-Fabrik fungiert und im Vergleich zu unverpackten Thylakoiden etwa 20 Prozent mehr NADPH produzieren kann.

Die Partikel wurden aus Spi­nat­blät­tern unter Verwendung einer vom NUS-Team entwickelten, patentierten, schonenden mechanisch-chemischen Extrak­ti­ons­me­thode hergestellt. Diese Partikel haben nach Angaben der Wis­sen­schaft­ler einen Durchmesser von etwa 400 Nanometern. Damit seien sie klein genug, um von den Zellen leicht aufgenommen zu werden. Sobald sich LEAF in den Zellen befindet, produziere es bei Einwirkung von Umge­bungs­licht pho­to­syn­the­ti­sches NADPH. Das erzeugte NADPH wiederum könne das Syndrom des Trockenen Auges über zwei Wege bekämpfen – innerhalb und außerhalb der Zelle.

„Dies ist eine spannende Erkenntnis, da wir zum ersten Mal gezeigt haben, dass der pho­to­syn­the­ti­sche Apparat von Pflanzen in Säu­ge­tier­ge­webe trans­plan­tiert werden kann, um biologisch nützliche Moleküle zu erzeugen, die vollständig durch dasselbe Licht angetrieben werden, das unser Sehen ermöglicht. Auch wir können über begrenzte pho­to­syn­the­ti­sche Fähigkeiten verfügen“, erklärt Dr. Xing Kuoran, der Erstautor der Arbeit.

LEAF unterdrückt ROS und versetzt Immunzellen in anti­in­flam­ma­to­ri­schen Zustand

In Labortests an entzündeten Zellen stellte LEAF den NADPH-Spiegel innerhalb von 30 Minuten nach Licht­ein­wir­kung wieder her. Es unterdrückte ROS und versetzte die Immunzellen in der Hornhaut von einem pro­in­flam­ma­to­ri­schen in einen anti­in­flam­ma­to­ri­schen Zustand. Bei der direkten Untersuchung in Tränenproben von Patienten mit Syndrom des Trockenen Auges erhöhte LEAF den NADPH-Spiegel um das 20-Fache. Zudem reduzierte es Was­ser­stoff­per­oxid, ein wichtiges zell­schä­di­gen­des Oxi­da­ti­ons­mit­tel, um mehr als 95 Prozent.

In der ersten prä­kli­ni­schen Studie der Forschenden in Zusam­me­n­a­r­beit mit Augenärzten des Eye Centre des Second Affiliated Hospital der Zhejiang-Universität kehrte LEAF, als Augentropfen unter normaler Innen­be­leuch­tung verabreicht, Horn­haut­schä­den innerhalb von fünf Tagen auf ein nahezu gesundes Niveau um. Eine zweite präklinische Studie bestätigte ebenfalls die the­ra­peu­ti­sche Wirkung. Sicher­heits­be­wer­tun­gen, darunter Studien zu Haut­sen­si­bi­li­sie­rung, Augenreizung und Organ­to­xi­zi­tät, die über zwei Monate durchgeführt wurden, zeigten keine Neben­wir­kun­gen. Das Team plant die Durchführung klinischer Studien, um die Technologie weiter zu validieren.

Von Trockenen Augen zu weiteren ent­zünd­li­chen Erkrankungen

„Mit LEAF verfügen wir nun über eine Technologie, die Umge­bungs­licht nutzt, um das Molekül, das beim Trockenen Auge abgebaut wird, direkt wie­der­her­zu­stel­len“, fügte Assoc. Prof. Leong hinzu. „Da es aus Spinat gewonnen und als einfache Augentropfen verabreicht wird, keine externen Geräte oder Stromquellen benötigt sowie das für das Sehen genutzte Umge­bungs­licht nutzt, glauben wir, dass es ein großes Potenzial für die klinische Umsetzung hat. Es ist fast surreal, wenn man an eine mögliche zukünftige Realität denkt, in der menschliche Zellen eine begrenzte, aber nützliche Form der Pho­to­syn­the­se­fä­hig­keit nicht nur im Auge, sondern auch an anderen Stellen haben könnten.“

Oxidativer Stress begünstigt eine Vielzahl von ent­zünd­li­chen Erkrankungen jenseits des Trockenen Auges. Deshalb sieht das Team auch Potenzial für LEAF-basierte Ansätze überall dort, wo die anti­oxi­da­ti­ven Abwehrkräfte des Körpers überfordert sind. Insbesondere in Geweben, die von Natur aus für sichtbares Licht zugänglich sind, wie die Netzhaut, die Haut und die dar­un­ter­lie­gen­den Ske­lett­mus­keln. Sie entwickeln zudem neue Strategien, mit denen therapeutisch nutzbare, pho­to­syn­the­tisch erzeugte Moleküle in inneren Organen produziert werden können, ohne dass sichtbares Licht eindringen muss.

Quelle: biermann-medizin.de

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